Demokratie-Retter Jürgen Wiebicke im Droste-Haus

01.04.2019

Demokratie-Retter Jürgen Wiebicke im Droste-Haus

Der WDR-Journalist und Philosoph Jürgen Wiebicke war am Mittwochabend zu Gast im Droste-Haus.

„Wenige bewirken viel“

Im Rahmen des 60jährigen Jubiläums des Jugendaustauschwerkes, luden die Mitarbeiterinnen zu dieser besonderen Veranstaltung ein. Tanja Weickert begrüßte die 50 Zuhörer und erläuterte kurz wofür das Droste-Haus steht. „Menschen begegnen sich hier, tauschen sich aus und schaffen etwas gemeinsam. Wer Mitte der 2000er Jahren dachte, dass Internationale Jugendbegegnungen aufgrund stabiler Verhältnisse in Europa nicht mehr notwendig sind, wurde durch Flüchtlings- und EU-Krise und jetzt dem Brexit, eines besseren belehrt“, so Weickert in ihrer Ansprache. „Sie Herr Wiebicke sind hier bei uns genau richtig, denn Demokratie und Frieden sind uns seit 60 Jahren wichtig.“ Jürgen Wiebicke nahm den Ball sofort an und sprach von einem Heimspiel, obwohl ihm oft die Auswärtsspiele lieber sind, wie er an dem Beispiel vom Besuch der Justizanstalt in Werl „bei den richtig harten Jungs“ erklärte. Die Hälfte der Häftlinge hatte bei der letzten Bundestagswahl gar nicht gewählt, ein paar wenige outeten sich als SPD-Wähler und ein großer Teil als AFD-Wähler. Warum, wurde im Gespräch mit einem Häftling dann klarer. Auf seinem Lebensweg hat sich nie einer um ihn gekümmert, und als er zum ersten Mal im Gefängnis saß, haben sich genau diejenigen mit vielen Briefen an ihn gewandt und ihm ein gutes Gefühl gegeben. 

„Ich mach mir Sorgen, um unsere Demokratie. Denn dieses System ist nicht naturgegeben gesetzt, sondern kann auch sehr schnell gekippt werden- wie wir in manchen Ländern um uns herum zurzeit sehen“, gab Wiebicke zu Bedenken. Bei seiner Wanderung 2015 durch NRW sind Jürgen Wiebicke zwei Dinge besonders aufgefallen: die weit verbreitete verdüsterte Zukunftserwartung und eine unklare Rolle des Individuums. Es fehle an sozialer Phantasie als Treibstoff für gesellschaftlichen Fortschritt. Menschen fühlen sich in einer Opferrolle und ertragen alles nur noch und gestalten daher nicht mehr. In seinem Büchlein „Zehn Regeln für Demokratie-Retter“ heißt es deshalb „Liebe deine Stadt“ oder „Fürchte dich nicht vor rechten Scheinriesen“. Er wünscht sich, dass sich viele aus ihrer passiven Rolle des Zuschauens und Kritisierens los lösen und aktiv das Gemeinschaftsleben mitgestalten. Bestes Beispiel war die Flüchtlingskrise. „Da haben sich viele zusammengeschlossen und geholfen, ohne dass Angela Merkel jeden einzeln dazu aufgefordert habe“, so Wiebicke. 

„Demokratie lebt davon, dass es Demokraten gibt. Politisch handelt derjenige, der seine Privatsphäre verlässt, um im öffentlichen Leben Spuren zu hinterlassen. Kritik muss man dann aushalten.“ Eine Zuhörerin erzählte von ihrem 10jährigen Enkel, der letzte Woche zum ersten Mal in Gütersloh bei Fridays for Future war und von seiner Lehrerin dafür eine sechs kassiert hat. „Das war die wichtigste sechs in seiner Schullaufbahn“, meinte Wiebicke kopfschüttelnd. Und weiter: „Politisches Handeln findet nicht nur in Berlin oder Brüssel statt, sondern auch im bürgerschaftlichen Engagement vor Ort.“ Jürgen Wiebicke richtete sich an die jungen Zuhörer im Publikum und machte ihnen Mut für die Zukunft. „Ihr seid so wertvoll für uns, weil ihr so wenige seid. Setzt euch bitte nicht unter Druck, nur weil ihr denkt, eine eins vor dem Komma im Abi, wäre wichtig. Ihr müsst euch fragen, will ich zu den wenigen gehören, die etwas bewirken und gesehen werden oder will ich zu den vielen gehören, die nur mitlaufen? Dabei ist die Anerkennung für das Engagement wichtig, das Gefühl zu haben „Ich bin Teil des Gemeinwesens“. Man sollte nicht zu viel überlegen, was alles passieren kann, wenn man sich engagiert, besser ist einfach zu Handeln und Loszulegen! 

„Die besten Sachen kommen als Graswurzelbewegung zur Welt“, so Wiebicke zum Ende seines knapp zweistündigen Vortrags- und Diskussionsabends. „Gerne wieder“, wünschte sich eine Zuhörerin und sichtlich zufrieden und voller Input machten sich die Gäste auf den Heimweg.

Diese Veranstaltung wurde gefördert durch das
Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes Nordrhein-Westfalen
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