Die Corona Krise aus der Sicht unserer europäischen Freiwilligen

30.03.2020

Die Corona Krise aus der Sicht unserer europäischen Freiwilligen

In Zeiten einer Pandemie ist das Schreiben eine der besten Therapien

Manuela Gutiérrez Puerta ist 23 Jahre alt und kommt gebürtig aus Kolumbien, lebt aber schon länger in Spanien und absolviert ihren Freiwilligendienst bei uns im Droste-Haus und an der OGS in Sürenheide. Sie hat sich mittlerweile schon sehr gut in Verl eingelebt und schreibt über ihre Zeit unter diesem Link. Was viele nicht wissen: wir sind seit 1997 Aufnahme und Entsendeorganisation für den Europäischen Freiwilligendienst. Das heißt, wir vermitteln Jugendliche aus dem Kreis Gütersloh an soziale Projekte im europäischen Ausland.

Manuelas Bericht in Zeiten von Corona

In Zeiten einer Pandemie ist das Schreiben eine der besten Therapien, deshalb bin ich froh, dass das Droste-Haus mir die Gelegenheit gibt, meine Erfahrungen mit euch zu teilen. 

März und April waren für mich bisher die am meisten erwarteten Monate des Jahres 2020. Ich hatte mein zweites Seminar in Hannover und wollte nach Berlin und Kolumbien fahren, um meine Familie zu besuchen. Aber wie mein Vater sagt, das Leben ist das, was passiert, während wir Pläne machen. Mit anderen Worten, das wirkliche Leben ist nicht alles, was wir planen und erwarten, sondern das, was passiert, ob die Pläne und Erwartungen erfüllt werden oder nicht. Diese Zeit der Turbulenzen ist der beste Beweis dafür, dass wir nicht alles im Leben kontrollieren können und dass der große Unterschied darin besteht, wie wir mit Situationen umgehen. 

Wie viele von denen, die mich lesen, bin ich eine privilegierte Person. Ich habe das Glück, dass es mir nicht an Nahrung mangelt, meiner Familie geht es gut, ich habe ein bequemes Bett und einen großen Raum, in dem leben kann. Mir ist derzeit wirklich klar, wie wenig wir brauchen, um gut zu leben. Auf der anderen Seite sehe ich die Situation in meinem Heimatland Kolumbien, und ich werde mir immer bewusster über all die verletzlichen Menschen in der Welt. Für uns in Deutschland ist es ganz klar: Bleiben Sie zu Hause! Aber wie sagt man das einem Menschen, der keine Wohnung hat? Es ist fast schon anstößig. Wir sind aufgefordert, an ein Kollektiv zu denken, ohne dass man uns sagt, dass ein großer Teil des Kollektivs nicht zu Hause bleiben kann, weil er einfach kein Zuhause hat. In Kolumbien kämpfen sie gerade jetzt dafür, die Menschen von der Straße zu holen, ich hoffe nur, dass sie es auf möglichst humane Weise tun. Und wenn das Coronavirus es mehr Menschen ermöglicht, trocken, warm und in Gesellschaft zu schlafen, dann ist das ein Grund mehr, sich weniger zu beklagen, weil ich heute meine Freunde nicht treffen oder in einem Restaurant essen gehen konnte.

Ich wollte über diese Situation so weit weg von der deutschen Realität sprechen, weil es eine Gelegenheit ist, zu reflektieren, zu danken und zu schätzen, wie wenig oder wie viel wir haben. Das Privileg ist nicht schlecht, solange wir uns dessen bewusst sind und es zugunsten derer nutzen, die nicht das Glück hatten, in einem Zustand des Wohlfahrtsstaat, in einer stabilen Familie und mit allen Annehmlichkeiten, die wir haben, geboren zu werden. 

Ich für meinen Teil genieße die Zeit „zu Hause“, ich hatte Angst, dass sie sich auf meine psychische Gesundheit auswirken könnte, aber bevor es geschah, habe ich Maßnahmen ergriffen. Ich spreche mehr mit meiner Familie und meinen Freunden, ich mache wieder Yoga, koche viel, lerne Deutsch, male und meditiere; ich versuche, nicht so viel mit meinem Handy zu sein und keine Bindge-Watching auf Netflix zu machen. Bisher hat es mir sehr viel Gutes gebracht. Ich hoffe, dass auch ihr diese Zeit für euch nutzt. Ich bin sicher, dass wir alle unser Bestes tun.